Thilo Sarrazin hat eine kontroverse Debatte entfacht. Trotz pauschaler Polemik und der unhaltbaren biologischen Untermauerung seiner Thesen darf eine lebendige Demokratie diese Entgleisungen nicht als provokante Einzelmeinung abtun. Das sich „Luftmachen“ vieler Menschen zeigt die empfundene Ohnmacht beim Thema Integration und Zuwanderung. Es bedrückt mich, wenn Eltern berichten, dass ihre Kinder bestimmte Orte meiden oder auf dem Schulweg Angst haben, wenn sie manchen Gruppen jugendlicher Migranten begegnen. Es läuft etwas falsch, wenn ältere Menschen abends daheim bleiben, weil sie sich nicht sicher fühlen oder es Viertel gibt, wo unsere Polizei das Recht nicht mehr durchsetzen kann. Da braucht es Lösungen statt Halbwahrheiten.
Bei Integration und Bildung von Migranten gibt es nach wie großen Nachholbedarf. Laissez-faire und Multikulti-Träume haben zu jahrzehntelangen Versäumnissen geführt. Bei Problemen darf es keine Sprachlosigkeit geben. Sie müssen auf den Tisch – sachlich und fair! Seit Integration im Kanzleramt mit Integrationsgipfel und Islamkonferenz zur Chefsache wurde, sprechen wir nicht mehr nur über, sondern mit Migranten. Wir reden Klartext: Sprache und Bildung sind der Schlüssel für Integration. Das Bildungspaket der Bundesregierung für kostenfreie Schul- und Kitaspeisung, Lernförderung und Freizeitgestaltung für bedürftige Kinder und mehr Schulsozialarbeit helfen dabei. Das schafft Perspektiven statt Ausgrenzung. Langsam steigen Bildungsniveau und die Zahl der Schulabschlüsse. 600.000 Migranten haben seit 2005 Integrations- und Deutschkurse besucht. Diese werden künftig mit mehr Arbeitsmarktbezug und mehr Stunden ausgestaltet. Auch die ca. 600.000 Unternehmen von Zuwanderern verdienen Beachtung. Die Kammern unserer Region melden aktuell allein 951 Azubis türkischer Herkunft.
Die Stärkung des Bildungsinteresses fängt zuerst im Elternhaus an. Politik darf nicht wegschauen, wenn dies dort nicht geschieht und muss die Schulpflicht auch durchsetzen. Schon heute können ALG II-Empfängern, die die Erwerbstätigkeit eigener Familienmitglieder verhindern, Leistungen gekürzt werden. Wir sollten prüfen, ob dies auch geht, wenn der Ehefrau der Besuch des Deutschkurses oder dem Kind der Kita-Besuch verwehrt wird. Während Reden und Handeln bei Sarrazin weit auseinanderklaffen, muss verantwortliche Politik beides tun.




